Trauma, chronischer Stress und die Rolle der Ernährung

Trauma beeinflusst nicht nur unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Es wirkt ebenso tief in den Körper hinein — bis in das Nervensystem und damit in zahllose körperliche Abläufe.
Viele traumatisierte Menschen leben über lange Zeit in einer erhöhten Alarmbereitschaft. Ihr autonomes Nervensystem verharrt häufiger im sogenannten Sympathikus-Modus — also in einem Zustand, der den Körper auf Kampf, Flucht oder gesteigerte Wachsamkeit vorbereitet. Der beruhigende Gegenspieler, der Parasympathikus, der für Verdauung, Regeneration und Schlaf zuständig ist, tritt dadurch immer wieder in den Hintergrund.
Sobald das Gehirn Gefahr wahrnimmt, wird die sogenannte Stressachse aktiviert:
Die Hypophyse sendet ein Signal an die Nebennieren, die daraufhin Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausschütten. Diese Hormone erfüllen eine lebenswichtige Aufgabe: Sie sollen das Überleben sichern und dem Körper rasch Energie zur Verfügung stellen.
Cortisol sorgt unter anderem dafür, dass die Leber gespeicherten Zucker freisetzt. Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel. Die Bauchspeicheldrüse antwortet mit der Ausschüttung von Insulin, damit der Zucker in die Zellen gelangen und dort genutzt oder gespeichert werden kann.
Kurzfristig ist dieser Ablauf sinnvoll und überlebenswichtig. Problematisch wird er erst, wenn die Stressachse über Monate oder Jahre hinweg immer wieder aktiviert wird. Dann muss der Körper unablässig Energie bereitstellen und regulieren.
Viele Betroffene erleben dadurch Blutzuckerschwankungen, Heißhunger, Erschöpfung, Schlafprobleme oder Verdauungsbeschwerden. Das Essverhalten wird also nicht allein von Gefühlen gesteuert, sondern ebenso von körperlichen Stressreaktionen.
Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kostet enorme Kraft und kann die Regulation der Stresshormone nachhaltig verändern. Gleichzeitig geraten andere Prozesse, die für Regeneration und langfristige Gesundheit entscheidend sind, in den Hintergrund — darunter Verdauung, Schlaf, hormonelle Balance und die Steuerung der Schilddrüse.
Genau deshalb berichten viele traumatisierte Menschen nicht nur von seelischen Belastungen, sondern auch von körperlichen Beschwerden:
Gerade beim Thema Diäten ist dieser Zusammenhang entscheidend. Viele Menschen möchten abnehmen und reagieren auf eine Gewichtszunahme mit noch mehr Verzicht, Kontrolle oder Fasten. Dabei wird leicht übersehen, dass ein ohnehin belastetes Nervensystem zusätzliche Mangelsituationen als weiteren Stress deuten kann.
Nicht jeder Körper reagiert auf chronischen Stress oder Traumafolgen mit einer Gewichtszunahme. Manche Menschen verlieren unter anhaltender Belastung an Gewicht, haben wenig Appetit oder können ihr Gewicht trotz ausreichender Nahrung nur schwer halten. Auch Verdauungsbeschwerden, Schlafprobleme und eine dauerhaft erhöhte Alarmbereitschaft können dazu beitragen, dass es dem Körper schwerfällt, genügend Energie aufzubauen und zu speichern.
Deshalb geht es nicht allein darum, Gewicht zu verlieren oder zuzunehmen. Für viele Betroffene besteht der erste Schritt darin, den Körper wieder verlässlich mit Energie und Nährstoffen zu versorgen. Häufig zeigt sich erst dann — wenn der Körper regelmäßig erhält, was er braucht — eine Stabilisierung von Gewicht, Energie und Wohlbefinden. Je nach Ausgangslage kann das sowohl eine Abnahme als auch eine Zunahme bedeuten.
Wird ein bereits erschöpfter Körper dagegen ständig mit Hunger, Diäten oder starkem Verzicht konfrontiert, kann das die bestehende Stressreaktion zusätzlich verstärken. So kann ein Kreislauf entstehen:
Viele Betroffene geraten so ungewollt in eine Schleife, die ihre Beschwerden weiter verstärkt.
Das bedeutet nicht, dass Abnehmen grundsätzlich falsch ist oder dass Fasten allen Menschen schadet. Es bedeutet aber, dass Menschen mit chronischem Stress oder Traumafolgen besonders achtsam prüfen sollten, ob ihre Ernährungsweise dem Körper Stabilität schenkt — oder zusätzlichen Druck erzeugt.
Eine gesunde Ernährung heilt kein Trauma. Traumatische Erfahrungen brauchen meist therapeutische Begleitung, sichere Beziehungen, Zeit und die Möglichkeit, neue Erfahrungen von Sicherheit zu machen.
Und dennoch kann Ernährung ein wichtiger Baustein sein. Regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Eiweiß, gesunde Fette, komplexe Kohlenhydrate und eine gute Versorgung mit Nährstoffen können helfen, den Blutzucker zu stabilisieren und unnötige Stressreaktionen zu verringern.
Dadurch erhält der Körper eine entscheidende Botschaft:
Ein Trauma wird damit nicht aufgelöst. Doch der Körper bekommt deutlich bessere Bedingungen — für Schlaf, Verdauung, Regeneration und die Arbeit des Nervensystems.
Traumaarbeit und körperliche Stabilisierung schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig tragen. Während die Therapie hilft, alte Wunden zu verarbeiten, kann eine nährende, regelmäßige Ernährung dem Körper die Kraft geben, diesen Weg überhaupt gehen zu können.
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