Bewundert, beschäftigt, innerlich tot: die Wahrheit über Arbeitssucht
Arbeitssucht – auch Workaholismus genannt – wird in unserer Leistungsgesellschaft belohnt und bewundert. Aus traumatherapeutischer Sicht ist das ständige Funktionieren jedoch oft keine echte Leidenschaft, sondern die tiefgreifende Folge früher Verletzungen.
Wer in der Kindheit keine Sicherheit, keinen Halt oder keine bedingungslose Liebe erfahren hat, erlebt massiven Stress und ein tiefes Gefühl von Ohnmacht. Um solche Umstände zu überstehen, entwickelt die Psyche Kompensationsstrategien – unbewusste Lösungsversuche, um unerträgliche Gefühle wie Schmerz, Angst oder Leere zu überdecken und sich ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu verschaffen.
Ein Kind, das gelernt hat „Ich bin nur wertvoll, wenn ich funktioniere", stürzt sich als Erwachsener in Arbeit und Perfektionismus – um die tiefsitzende Angst vor Wertlosigkeit und Ablehnung abzuwehren.
Durch die andauernde Arbeit hält sich der Körper in einer Übererregung (Sympathikotonie): Das Nervensystem fährt wie auf einem durchgedrückten Gaspedal. Solange du aktiv bist und leistest, spürst du weder deine Körperbedürfnisse noch den alten emotionalen Schmerz.
Ein Körper, der traumatischen Stress durch endlose Arbeit kompensiert, befindet sich dauerhaft im Kampf- oder Fluchtmodus. Die Stressachse – die sogenannte HPA-Achse – ist ständig aktiv und schüttet ununterbrochen Stresshormone wie Cortisol aus. Das Nervensystem verlernt dabei, den Ruhenerv (den Parasympathikus) einzuschalten. Echte, tiefe Regeneration findet nicht mehr statt.
Dieser toxische Dauerstress schadet dem Körper massiv:
Irgendwann bricht der Körper unter dieser Last zusammen. In der Traumatherapie nennt man das Dekompensation oder Burnout: Die Überlebensstrategie hat ihre ganze Energie aufgebraucht, und der Mensch stürzt in eine tiefe, bleierne Erschöpfung, aus der er sich kaum noch erheben kann.
Gesunde Beziehungen brauchen Präsenz – mit Aufmerksamkeit und Herz wirklich im Hier und Jetzt zu sein. Wer aber ständig arbeiten muss, um sein Nervensystem zu regulieren, verliert den Kontakt zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen. Um den inneren Stress und die Erschöpfung nicht zu spüren, greift das Gehirn oft zur Dissoziation: Man spaltet sich von den eigenen Gefühlen ab – es entsteht eine emotionale Taubheit.
Diese emotionale Abwesenheit ist zutiefst schmerzhaft – echte Verbundenheit kann nicht entstehen. Und weil die natürlichen Bedürfnisse von Partnern oder Kindern unter dem ständigen Leistungsdruck schnell als störend empfunden werden, folgen Konflikte, Entfremdung und im schlimmsten Fall das Zerbrechen der Partnerschaft.
Wenn die gesamte Lebensenergie in die Arbeitssucht fließt, um alte, unsichtbare Trauma-Wunden unter Kontrolle zu halten, bleibt keine Kapazität mehr für die eigene Potenzialentfaltung. Für Kreativität, echte Freude und ein frei gestaltetes Leben braucht unser System Sicherheit und Balance. In der Arbeitssucht aber geht es nicht ums Leben, sondern ums pure Überleben.
So zementiert die Arbeitssucht einen Kreislauf aus Angst und Leistungszwang. Wenn der unweigerliche Zusammenbruch schließlich eintritt, fühlen sich Betroffene oft völlig perspektivlos, deprimiert und ihrer Zukunft beraubt.
Doch dieser Kreislauf lässt sich durchbrechen. Der mutige Schritt ist, sich den wahren Ursachen des Arbeitsdrangs liebevoll und traumasensibel zuzuwenden – statt nur das Symptom zu bekämpfen. Wer den alten Schmerz darunter heilt, muss nicht länger funktionieren, um sich sicher zu fühlen, und kann seine Lebensenergie wieder für eine freie, eigene Zukunft nutzen.
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